7. Max Regers letzter Tag

Übersetzung in Deutsche durch A. Pöllath


Einleitung

Mehr als 90 Jahre nach Max Regers Tod wird es zunehmend schwerer, die Details hierüber zu klären. Sein plötzlicher Tod war damals ein schwerer Schlag für die musikalische Welt in Deutschland, denn Reger war berühmt und sein Konzertkalender war mehr als außerordentlich gut gefüllt. Der genaue Ort seines Ablebens ist heutzutage schwer zu bestimmen.
Zahlreiche Hinweise über seinen letzten Tag finden sich in seinen Briefen an verschiedene Personen. Im folgenden einige Angaben, was am Mittwoch, den 10. Mai 1916, geschah.

Nach seinem Umzug nach Meiningen hielt Reger seinen Unterricht jeweils an einem Tag in der Woche. An diesem Tag verließ er Meiningen mit dem Zug um 8:13 und kam um 12:49 in Leipzig an. Er pflegte dann im Hause von Adolf Wach zu Mittag zu essen, anschließend unterrichtete er von 14:00 bis 20:00 am Konservatorium. Die Rückfahrt trat er mit dem Zug um 21:38 an, mit welchem er Meiningen um 2:30(!) erreichte. Aufgrund der kriegsbedingten Verschlechterung der Zugverbindungen reiste er ab 1914 nur alle zwei Wochen für jeweils zwei Tage nach Leipzig. Am Abend des ersten Tages besuchte Reger regelmäßig das Cafe Hannes und übernachtete anschließend im Hotel Hentschel (Popp & Shigihara 1995, Briefwechsel mit dem Verlag C. F. Peters, S. 455 Anm. 1).


Die Orte seines letzten Tages

Reger hielt sich an seinem letzten Abend an mehreren Orten in Leipzig auf:

  1. Das Konservatorium
  2. Das Haus von Hinrichsen
  3. Cafe Hannes
  4. Hotel Hentschel

Das Leipziger Konservatorium und das Haus von Hinrichsen (Talstraße 10) existieren noch (obwohl das Konservatorium schwer beschädigt wurde). Die genaue Lage des Cafe Hannes und des Hotel Hentschel wurde aber in keiner Biographie genannt. Diese beiden Gebäude erlitten unglücklicherweise schwere Beschädigungen beim Bombardement von 4. Dezember 1943.


1. Das Konservatorium

Regers Kompositionsstunden verdienen ein Untersuchung für sich selbst. Es waren solche speziellen Gelegenheiten daß es die Studenten massenweise anzog.

Die große Orgel des Leipziger Konservatoriums

Das Konservatorium wurde durch die Bombenangriffe 1943 weitgehend zerstört, aus den verbliebenen Resten erstand am gleichen Ort das neue Gebäude. Die Orgel, auf der Reger einst musizierte, ging verloren.

Das Leipziger Konservatorium in 1917

2. Das Haus von Hinrichsen

Von 20 bis 21:45 besuchte Reger seinen Freund Henri Hinrichsen, Talstraße 10. Er aß dort zu Abend und war bester Laune, wie Hinrichsen wenig später Elsa Reger mitteilte (Popp & Shigihara 1995, Peters S. 649, 650). Auf dem Rückweg wurde er von dem 16-jährigen Max Hinrichsen begleitet (ebd. S. 20).

Der Horror, den die Familie Henri Hinrichsen in den Jahren 1938-1942 erwartete, läßt das, was Max Reger an diesem Abend widerfuhr und zur Trennung der alten Freunde führte, als Segen erscheinen.
Wie auch immer, das Haus von Hinrichsen / Peters Verlag existiert noch in Leipzig. Es wurde restauriert und beherbergt einen speziellen Raum zum Gedenken an Edvard Grieg, welcher ein guter Freund von Henri Hinrichsen war.

Hinrichsens Name bleibt unvergesslich, sowohl in Bezug auf Max Reger wie auch Edvard Grieg.

Das Haus von Henri Hinrichsen, Talstraße 10 in Leipig

3. Cafe Hannes

Reger erwähnt in seinen Briefen an Hinrichsen die Lage "Grassistraße" bzw. "im Restaurant Hannes beim neuen Gewandhaus". In Popp & Shigihara 1995, Briefwechsel mit dem Verlag C. F. Peters S. 472 Anm. 1 findet sich der Hinweis auf Haus Nr. 26.

Die genauere Recherche durch Hernn Wieland Zumpe und Albert Pöllath ergab als zutreffende Anschrift Grassistraße 12 / Ecke Beethovenstraß 17. Die folgende Abbildung stammt von der sehr informativen Seite von Herrn Wieland Zumpe (www.lipsikon.de/):

Cafe Hannes, Ecke Beethoven-Grassistraße Leipig

Es war wohl ein größeres Cafe in einer wohlhabenden Gegend, mit einem guten Restaurant in geschmackvoller Jugendstil-Einrichtung. Reger traf hier regelmäßig über lange Jahre seine Freunde, da es nahe zum Konservatorium und dem Gewandhaus lag.

Auf der Seite von Herrn Wieland Zumpe findet sich auch eine Ansichtskarte, die zweifellos vom Cafe Hannes stammt:

Cafe Hannes (inneres) Leipig

Am Abend des 10. Mai 1916 fühlte sich Reger unwohl als Karl Straube gegen 23 Uhr eintraf. Karl Straube brachte ihn zum Hotel Hentschel. Wo war es gelegen?


4. Hotel Hentschel

Am 22. März 1915 sandte Max Reger eine Postkarte an Hans von Ohlendorff (Susanne Popp (ed. 2005): S.221). Diese Postkarte ist kopiiert von Max Reger Home Page, zur Zeit leider off-line. Dies ist die Abbildung:

Hotel Hentschel "an der Promenade"

Scheinbar handelt es sich um ein freistehendes Gebäude, hier liegt jedoch eine Retousche vor, wie sich weiter unten zeigen wird. Die Front ist fünfteilig, der linke Gebäudeteil existierte möglicherweise nie, wie die folgenden Aufnahmen zeigen.
Verwirrend ist auch die Anschrift: "an der Promenade". Dabei handelt es sich nicht um die Promenade Straße (wo Hugo Riemann wohnte in der Nr. 11-III). Ein Hinweis ergibt sich aus der Tatsache, dass der Leipziger Ring vor 1914 auch als die "Promenade" bezeichnet wurde. Nachdem ich hunderte alte Foto's angesehen hatte, fand ich auf Einmal folgendes Foto :

Roßstraße mit Hotel Hentschel ganz rechts

Das Hotel Hentschel ist am rechten Rand abgebildet. Die Angaben zum Foto ergeben eine Blickrichtung vom Roßplatz, die Anschrift des Hotels lautete "Roßstraße 1-3" (nicht Roßplatz 1 1, wo sich das Hotel "zum grünen Baum" befand). Das Foto datiert aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Das Gebäude in der Mitte wurde im ersten Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts abgerissen (wurde die obige Postkartenaufnahme zu dieser Zeit gemacht?) und durch ein Jugendstil-Gebäude mit der Anschrift "Roßplatz 12-13" ersetzt(vgl. folgende Abb.) Das neue und größere Gebäude war das Stammhaus der Firma Knaur ("Knaur Tuche").

"Knaur Tuche Stammhaus mit rechts Hotel Hentschel

Unten eine Ansicht des Roßplatz vor dem 2. Weltkrieg, das Hotel Hentschel deutlich rechts vom "Knaur Tuche Stammhaus". Das noch stehende Europahaus dient als Bezug zur gegenwärtigen Lokalisation.

Hotel Hentschel: rechts vom "Knaur Tuche Stammhaus"

Die beste Abbildung des Hotel Hentschel findet sich im Reger-Fotobuch von Erich H. Müller v. Asow (1944, Tafel 72). Dies ist der direkteste Hinweis auf das Hotel Hentschel in allen Büchern über Regers Leben, die Adresse wurde jedoch nicht genannt in die Erklärungen zu den Tafeln.

Hotel Hentschel

Interessanterweise erwähnt Reger die Anschrift in einem Brief an Henri Hinrichsen, datiert v. 16. März 1907, als "Roßplatz", nennt jedoch keine genaue Adresse. Offenbar war dies nicht notwendig, da die Roßstraße die Talstraße kreuzt(wo Hinrichsen lebte). Lauterbach und Kuhn hatten ebenfalls ihr Büro in der Roßstraße.
Die exakte Adresse des Hotel Hentschel lautete: Roßstraße 1-3; neben Roßplatz 12-13 (Knaur).

Die Vogelperspektive von Westen (1909, s.u) zeigt die neue Stadt-Halle (etwas links über Bildmitte) sowie den Hinweis (schwarzer Pfeil) auf das Hotel Hentschel. Der Roßplatz war sehr groß, er erstreckte sich von links des schwarzen Pfeils nach rechts unten bis zu dem kreisförmigen Gebäude (dem Völkerschlacht-Panorama), zu sehen oberhalb des Turms der Stadt-Halle und rechts der Basis des schwarzen Pfeils. Der weiße Pfeil zeigt das Cafe Hannes in der Grassistraße.

Von der Grassistraße 12 bis zum Hotel sind Straube und der kranken Reger am 10 May 1916 mit einer Kutsche gefahren.

Vogelperspektive von Westen, schwarzer Pfeil deutet auf Hotel Hentschel

Den Verlauf der Roßstraße zeigt diese Vorkriegskarte.
Nach 1945 wurde die "Roßstraße" in Aug. Schmidt-Straße umbenannt, vgl. aktuelle Karte. Die parallele "Seeburgstraße" dient als Bezug.

Die Bombardierungen vom Dezember 1943 zerstörten den Großteil der Altstadt sowie auch das Hotel Hentschel. Die Zerstörungen zeigt das folgende Foto, der Pfeil indiziert das Hotel. Die Reste des "Knaur-Tuche Stammhaus" sind noch erkennbar.

Hotel Hentschel destroyed

Nach dem 2. Weltkrieg wurde auf den Grundmauern des ehemaligen Hotels ein großer Gebäudeblock errichtet. (Die neue Roßstraße liegt heute in Leipzig-Liebertwolkwitz).

The location of the former Hotel Hentschel nowadays

Im heutigen Leipzig gibt es keine Hinweise auf Regers Sterbeort. Keine Erinnerungstafel gedenkt an Max Regers letzte und so einsame Nacht.


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